Ich schätze mal, dass wir fünf Tage brauchen

Die Robin-Hood-Verarschung von Mel Brookes mit dem Titel “Robin Hood - Helden in Strumpfhosen” aus dem Jahre 1993 ist immer noch einer meiner Lieblingsfilme. In dieser herrlich albernen Kevin-Costner-Parodie gibt es eine Szene, in der Blinzler, der blinde Familiendiener von Robin, hoch über den Baumwipfeln auf einem Ausguckturm steht. Robin reitet heran und fragt - berechtigterweise - “Blinzler, was machst Du denn da?” Blinzler bewegt hektisch den Kopf um die Herkunft der Stimme zu orten und antwortet: “Ääähhh, ich schätze.” “Aber Blinzler, was schätzt Du denn?” so Robin. “Ich schätze mal, dass keiner kommt”, erwidert Blinzler und steigt dann vom Ausguck herunter.

In Softwareprojekten wird bei Schätzungen auch oft die sogenannte “Blinzler Methode” angewendet. Genau wie in dem Film versuchen sich Projektbeteiligte an der Beurteilung eines Sachverhaltes, den sie jedoch streng genommen gar nicht beurteilen können,

weil ihnen eine zur Beurteilung zwingend notwendige Kompetenz fehlt. So wie ein blinder Diener eben nicht ausgucken kann, kann ein Mitarbeiter, der keine Erfahrung in der Softwareentwicklung hat, schlecht einschätzen, welchen Aufwand eine bestimmte Programmierung nach sich ziehen wird. Glücklicherweise gibt es hier Hilfsmittel, wie zum Beispiel die Expertenschätzung (”Frag’ doch mal wen, der was davon versteht!”) oder verschiedene andere Schätzmethoden, die auf Erfahrungswerten aus bereits abgeschlossenen Projekten bzw. Projektphasen beruhen. Erfahrungsbezogene Methoden zu verwenden, heißt also nicht, dass der Vertrieb aus alten Angeboten abschreibt, sondern eben anhand bereits erbrachter Leistungen die möglichen Aufwände beurteilt.

Schwierig wird es hingegen - auch für erfahrene Experten - wenn der Aufwand für etwas geschätzt werden soll, was noch gar nicht genau spezifiziert wurd. Zum Beispiel, wenn der Kunde ein Webportal haben möchte, aber noch niemand weiß, was dieses Portal überhaupt können soll. Sollen Stammdaten verwaltet werden und durch die User pflegbar sein? Sollen die Nutzer Rechnungen abrufen und gegebenenfalls online reklamieren können? Ist vielleicht ein Tracking & Tracing einzubinden, wenn es um die Nachverfolgbarkeit von Lieferungen oder ähnlichem geht? Soll der Kunde im Netz seinen aktuellen Vertrag einsehen und auch ändern können? Und so weiter… Man kann sich ausmalen,  dass in Abhängigkeit von den benötigten Funktionen der Aufwand für die Umsetzung irgendwo auf einer Skala von einem Tag bis ein Jahr liegen - und dazu braucht man nicht einmal ein Experte sein!

Um sicherzugehen, dass nicht ein vollkommen utopischer Aufwand angeboten wird und Unzufriedenheit auf Kunden- und/oder Dienstleister-Seite vorprogrammiert ist, machen folgende Dinge Sinn:

1) Zunächst einen Workshop anbieten, in dem die genauen Anforderungen erhoben werden und dann mit offenen Augen weitersehen.

2) Nur einen Stundensatz für Dienstleistungen anbieten und darauf hinweisen, dass die Aufwände im Voraus nicht geschätzt werden können.

3) Irgendetwas schätzen und dem Kunden aber deutlich mitteilen, dass diese Schätzung nur eine Pro-Forma-Schätzung ist, da die tatsächlichen Anforderungen zum Zeitpunkt der Schätzung nicht bekannt sind.

Trotzdem findet man Dienstleistungsverträge, die nach der Blinzler-Methode erstellt wurden, in vielen Beratungshäusern. Da hat dann wohl auch der Kunde beim Unterschreiben gerade heftig geblinzelt…

Sunday, August 9th, 2009 at 15:51
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