Wer ist eigentlich “er”?
Nachdem mich gestern ein Vortrag von Ossi Urchs (ein Mensch mit Rauschebart, der sich gerne Internet-Visionär nennt) ein bisschen philosophisch gestimmt hat, heute mal ein geisteswissenschaftlich angehauchter Beitrag.
Mir ist nämlich gerade aufgefallen, dass ich und meine Kollegen oft “er” sagen, wenn wir über das Verhalten einer Software bzw. eines IT-Systems sprechen. Sätze wie “Den Wert nimmt er nicht an”, “Erkennt er das nicht automatisch?” oder “Dann prüft er das Verzeichnis auf neue Dateien” sind da ganz alltäglich. Aber ich denke, dass sich niemand jemals wirklich gefragt hat, wer “er” eigentlich ist. Grammatikalisch korrekt heißt es ja die Software oder das System, so dass wir eigentlich sagen müssten “Sie will nicht so wie ich” oder “Was macht es denn jetzt schon wieder?”. Aber solche Sätze höre ich - auch von mir selbst - eigentlich nie. Wer ist denn jetzt nun eigentlich mit “er” gemeint: Der Computer? Der Programmierer, der uns augenscheinlich im Moment an der Nase rumführt? Wie auch immer, ich finde diesen vollkommen selbstverständlichen Sprachgebrauch irgendwie ulkig - und wäre ich jetzt auch ein Visionär, würde ich jetzt wahrscheinlich versuchen, das als klares Anzeichen zu deuten, dass nicht die Maschinen die Menschen maschineller machen, sondern wir die Maschinen menschlicher!
Vor ein paar Tagen habe ich das “deutschsprachige Standardwerk für Requirements Engineering” (so oder so ähnlich behaupten das jedenfalls die Rezensenten dieses Buches auf amazon) erstanden. Es geht um ein schönes, dickes, orange-rotes Buch mit dem Titel “Requirements-Engineering und Management” von Chris Rupp. Gleich in den ersten Seiten des Werkes findet man einen spannenden Beitrag von Walter Wintersteiger, der sich damit befasst, was eigentlich die Begriffe Software und Qualität bedeuten. Bei der Definition von Software wird zunächst das zusammengefasst, was jeder Informatik-Student (rein theoretisch) gleich im ersten Semester lernt: Software besteht aus Programmcode und Dokumentation. Wenn eines dieser beiden Bestandteile fehlt, dann ist es laut Wintersteiger “(…) entweder Belletristik oder Schrott (…)” ([1], S. 19) - als ich das gelesen habe, musste ich schmunzeln, weil ich finde, dass er damit den Nagel genau auf den Kopf trifft.
Das Thema Vertragsrecht gehört zugegebenermaßen nicht unbedingt zu meinen Lieblingsthemen. Notgedrungen habe ich im Rahmen meines Studiums zwar einen Kurs, der sich mit „Wirtschaftlich relevanten Teilen des öffentlichen und privaten Rechts“ beschäftigte, belegt, die Klausur in diesem Kurs aber nur mit Hängen und Würgen bestanden. Die Paragraphensammlungen, die wir bearbeiten mussten, kamen wir damals wie ein überaus mächtiges, aber auch seltsam düsteres Regelwerk vor, um das man lieber einen weiten Bogen machen sollte. Das geht aber leider nicht immer. Zum Beispiel dann nicht, wenn man zufällig eine Individualsoftware bei einer sehr kleinen Softwarefirma gekauft hat und kein Kaufvertrag abgeschlossen wurde.